Eigentlich wollte man nur eine E-Mail schreiben, eine Rechnung bezahlen oder fünf Minuten lang etwas nachschlagen. Dann vibriert das Smartphone. Eine Nachricht ist eingetroffen. Während man sie liest, erscheint oben am Bildschirm bereits die nächste Benachrichtigung. Eine App meldet ein Sonderangebot, der Kalender erinnert an einen Termin und irgendwo wartet noch eine ungelesene Nachricht in einer Gruppe. Keine dieser Unterbrechungen muss für sich genommen besonders wichtig sein. Zusammengenommen verändern sie jedoch die Art, wie wir unseren Alltag organisieren. Das Smartphone ist längst nicht mehr nur ein Gerät, das wir benutzen, wenn wir etwas von ihm wollen. Es kann jederzeit selbst unsere Aufmerksamkeit einfordern. Genau darin liegt einer der großen Unterschiede zu vielen früheren Medien. Ein Buch klingelt nicht, wenn eine neue Seite geschrieben wurde. Der Fernseher schickt keine Nachricht, weil irgendwo eine interessante Sendung beginnt. Digitale Geräte hingegen können uns ständig daran erinnern, dass irgendwo noch etwas auf unsere Reaktion wartet.
Erreichbarkeit ist vom Ausnahmefall zum Normalzustand geworden
Noch vor wenigen Jahrzehnten bedeutete Erreichbarkeit meistens, sich in der Nähe eines Telefons aufzuhalten. Wer das Haus verließ, war für eine gewisse Zeit schlicht nicht erreichbar. Selbst mit den ersten Mobiltelefonen blieb Kommunikation vergleichsweise übersichtlich, weil Anrufe und Textnachrichten die wichtigsten Möglichkeiten darstellten. Heute befinden sich auf einem einzigen Smartphone zahlreiche Kommunikationswege gleichzeitig. Messenger, E-Mail, soziale Netzwerke, berufliche Plattformen, Schul-Apps, Vereinsgruppen und verschiedenste Dienste können unabhängig voneinander Nachrichten senden. Dadurch ist nicht nur die Zahl möglicher Kontakte gestiegen. Auch die gesellschaftliche Erwartung hat sich verändert. Eine Nachricht kann theoretisch sofort gelesen werden, weil das Empfangsgerät fast immer in Reichweite ist. Aus dieser technischen Möglichkeit entsteht leicht eine gefühlte Verpflichtung. Wer eine Nachricht gesehen hat, könnte schließlich auch antworten. Und weil viele Anwendungen sogar anzeigen, ob eine Nachricht zugestellt oder gelesen wurde, wird aus der früher unsichtbaren Nichterreichbarkeit eine deutlich sichtbarere Entscheidung, gerade nicht zu reagieren.
Nicht jede Nachricht unterbricht uns nur für wenige Sekunden
Eine Benachrichtigung zu lesen dauert häufig tatsächlich nur einen Augenblick. Das Problem liegt weniger in diesen wenigen Sekunden als in dem Wechsel der Aufmerksamkeit. Wer konzentriert an einer Aufgabe arbeitet, hält zahlreiche Informationen im Kopf: Was war gerade wichtig? Welche Idee sollte weiterverfolgt werden? Welcher Schritt kommt als Nächstes? Eine Unterbrechung schiebt plötzlich ein anderes Thema dazwischen. Selbst wenn die Nachricht schnell beantwortet ist, muss das Gehirn danach wieder zum vorherigen Zusammenhang zurückfinden. Besonders deutlich wird das bei anspruchsvollen Tätigkeiten. Einen kurzen Text abzuschreiben und gleichzeitig Nachrichten zu lesen ist etwas anderes, als einen komplexen Zusammenhang zu verstehen, einen Fehler in einer Berechnung zu suchen oder einen längeren Gedanken auszuarbeiten. Je stärker eine Tätigkeit von zusammenhängender Aufmerksamkeit lebt, desto störender können häufige Wechsel werden. Deshalb kann ein Arbeitstag überraschend anstrengend sein, obwohl man rückblickend das Gefühl hat, kaum etwas wirklich Schwieriges erledigt zu haben.
Multitasking fühlt sich effizienter an, als es häufig ist
Digitale Geräte fördern die Vorstellung, mehrere Dinge gleichzeitig erledigen zu können. Während einer Videokonferenz werden E-Mails gelesen, neben einer Fernsehsendung Nachrichten beantwortet und beim Lernen läuft nebenbei ein Messenger. Tatsächlich handelt es sich dabei häufig weniger um echtes gleichzeitiges Arbeiten als um schnelle Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben. Das kann bei einfachen Tätigkeiten problemlos funktionieren. Schwieriger wird es, sobald mehrere Aufgaben gleichzeitig Aufmerksamkeit benötigen. Dann wird fortwährend entschieden, was gerade wichtiger ist. Eine eingehende Nachricht erhält für wenige Sekunden Vorrang, danach kehrt man zur ursprünglichen Tätigkeit zurück, kurz darauf lockt vielleicht ein anderer Bildschirm. Dieser ständige Wechsel kann durchaus produktiv wirken, weil permanent etwas geschieht. Aktivität und Produktivität sind jedoch nicht dasselbe. Am Ende eines solchen Tages wurden möglicherweise sehr viele kleine Dinge erledigt, während die Aufgabe, für die längere Konzentration notwendig gewesen wäre, kaum vorangekommen ist.
Der Blick aufs Smartphone wird irgendwann automatisch
Besonders interessant ist, dass irgendwann gar keine Benachrichtigung mehr notwendig ist. Viele Menschen greifen regelmäßig zum Smartphone, obwohl es weder geklingelt noch vibriert hat. Vielleicht könnte eine neue Nachricht angekommen sein. Vielleicht hat jemand auf einen Beitrag reagiert. Vielleicht ist eine interessante Meldung erschienen. Dieser kurze Kontrollblick kostet kaum Mühe und kann jederzeit eine kleine Überraschung liefern. Meistens passiert nichts Besonderes, manchmal wartet jedoch tatsächlich eine interessante Nachricht. Gerade diese Unvorhersehbarkeit macht das Nachsehen reizvoll. Das Gerät muss unsere Aufmerksamkeit dann nicht mehr aktiv unterbrechen. Wir erledigen das selbst. Wer beim Lesen, Arbeiten oder Fernsehen alle paar Minuten automatisch den Bildschirm kontrolliert, bemerkt häufig gar nicht mehr, wie oft der eigene Gedankenfluss dadurch unterbrochen wird. Das Smartphone ist damit nicht nur ein Kommunikationsgerät geworden, sondern auch eine Art ständig verfügbare Antwort auf jeden kleinen Moment von Langeweile.

Langeweile hatte früher einen größeren Platz im Alltag
Warten gehört eigentlich zum menschlichen Alltag. Man sitzt einige Minuten in einem Wartezimmer, steht an einer Haltestelle oder wartet darauf, dass jemand zu einem vereinbarten Treffpunkt kommt. Früher entstanden dabei zwangsläufig kleine Pausen, in denen wenig geschah. Heute verschwinden solche Leerstellen zunehmend. Schon zehn freie Sekunden reichen, um das Smartphone hervorzuholen. Man liest Nachrichten, betrachtet Fotos, beantwortet eine E-Mail oder scrollt durch einen Feed. Das ist zunächst angenehm, denn niemand muss sich langweilen. Gleichzeitig gehen damit Momente verloren, in denen Gedanken einfach umherschweifen konnten. Man beobachtete die Umgebung, erinnerte sich an etwas oder dachte eine Sache weiter, ohne bewusst eine Beschäftigung gesucht zu haben. Es wäre übertrieben, daraus eine romantische Vergangenheit zu konstruieren, in der jeder wartende Mensch tiefgründig über sein Leben nachdachte. Trotzdem hat sich etwas verändert: Der Alltag bietet heute wesentlich mehr Möglichkeiten, jede noch so kleine Pause unmittelbar mit neuen Informationen zu füllen.
Benachrichtigungen sind nicht alle gleich wichtig
Das eigentliche Problem besteht deshalb nicht darin, dass Smartphones Nachrichten anzeigen können. Für viele Situationen ist genau das ausgesprochen nützlich. Niemand möchte ständig eine App öffnen müssen, um herauszufinden, ob sich ein Termin geändert hat oder eine wichtige Nachricht eingetroffen ist. Schwieriger wird es, wenn wirklich jede Anwendung dieselbe Möglichkeit nutzt, Aufmerksamkeit einzufordern. Eine dringende Nachricht der Familie erscheint dann neben der Information, dass ein Onlineshop gerade zwanzig Prozent Rabatt anbietet. Eine Terminänderung konkurriert mit dem Hinweis auf einen neuen Beitrag in einem sozialen Netzwerk. Technisch sind all diese Meldungen zunächst Benachrichtigungen. Für unseren Alltag besitzen sie jedoch vollkommen unterschiedliche Bedeutung. Trotzdem behandeln viele Menschen sie ähnlich: Das Smartphone meldet sich, also wird nachgesehen. Wer seine Erreichbarkeit verbessern möchte, muss deshalb nicht unbedingt weniger erreichbar werden. Oft genügt es schon, genauer festzulegen, wer oder was tatsächlich jederzeit die Aufmerksamkeit unterbrechen darf.
Arbeit endet nicht mehr automatisch an einer bestimmten Tür
Besonders sichtbar wird Dauererreichbarkeit im Berufsleben. Früher entstand durch den Arbeitsplatz häufig eine natürliche Grenze. Wer das Büro oder den Betrieb verließ, ließ zumindest einen großen Teil der beruflichen Kommunikation zurück. Smartphones und Laptops haben diese Grenze durchlässiger gemacht. Das bringt enorme Vorteile. Arbeiten kann flexibler organisiert werden, kurze Rückfragen sind auch unterwegs möglich und viele Tätigkeiten benötigen keinen festen Arbeitsplatz mehr. Gleichzeitig kann Arbeit dadurch in Zeiten eindringen, die früher automatisch frei waren. Eine berufliche E-Mail am Abend zwingt niemanden unmittelbar dazu, sie zu beantworten. Trotzdem ist die Information bereits im Kopf. Vielleicht erledigt man die Angelegenheit schnell, damit sie morgen nicht mehr wartet. Vielleicht denkt man beim Abendessen darüber nach. Erreichbarkeit bedeutet deshalb nicht nur tatsächliche Arbeitszeit. Schon die Möglichkeit, jederzeit mit beruflichen Themen konfrontiert zu werden, kann verhindern, dass der Arbeitstag mental genauso eindeutig endet wie früher das Verlassen eines Gebäudes.
Auch Freizeit kann sich plötzlich wie eine Aufgabe anfühlen
Selbst private Kommunikation besitzt inzwischen eine gewisse organisatorische Last. Familiengruppen, Freundeskreise, Vereine, Elternchats und gemeinsame Freizeitplanungen erzeugen ständig neue Informationen. Die meisten davon sind sinnvoll oder angenehm. Trotzdem entsteht daraus eine weitere Ebene von Aufgaben, die bearbeitet werden wollen. Man muss auf eine Einladung reagieren, eine Umfrage beantworten, eine Adresse bestätigen oder in einem langen Nachrichtenverlauf herausfinden, wann genau das Treffen nun stattfindet. Digitale Kommunikation hat vieles erheblich vereinfacht, aber gleichzeitig die Zahl der Kommunikationsvorgänge vergrößert. Früher wurden manche Dinge beim nächsten persönlichen Treffen besprochen. Heute können sie sofort geklärt werden und werden deshalb häufig auch sofort angesprochen. So entsteht das eigenartige Gefühl, selbst in der Freizeit ständig kleine offene Vorgänge verwalten zu müssen. Das Smartphone erinnert uns zuverlässig daran, dass irgendwo noch jemand auf eine Reaktion wartet.

Besonders abends verschwindet die natürliche Ruhe
Das Smartphone liegt häufig bis unmittelbar vor dem Einschlafen in Reichweite. Damit endet auch der Informationsstrom nicht automatisch, nur weil der Tag eigentlich vorbei ist. Eine einzige Nachricht kann ein völlig neues Thema eröffnen. Vielleicht handelt es sich um ein berufliches Problem, eine aufregende Nachricht oder eine Diskussion, die plötzlich emotional wird. Selbst harmlose Inhalte können dazu führen, dass aus einem kurzen Blick noch eine halbe Stunde wird. Ein Video führt zum nächsten, ein Artikel enthält einen interessanten Link und aus der Kontrolle der letzten Nachrichten entsteht eine ausgedehnte Runde durch mehrere Apps. Das Entscheidende ist dabei weniger die Vorstellung, elektronische Geräte seien grundsätzlich schlecht für den Schlaf. Viel banaler ist die Tatsache, dass ein Gerät voller Nachrichten, Unterhaltung und sozialer Kontakte ausgesprochen gut darin ist, uns wach und beschäftigt zu halten. Wer eigentlich zur Ruhe kommen möchte, trägt mit dem Smartphone gleichzeitig eine nahezu unerschöpfliche Quelle neuer Anregungen mit ins Bett.
Die Lösung muss nicht Digital Detox heißen
Bei Diskussionen über Dauererreichbarkeit entsteht schnell der Eindruck, es gebe nur zwei Möglichkeiten: entweder ständig online zu sein oder das Smartphone möglichst vollständig aus dem Leben zu verbannen. Für die meisten Menschen wäre Letzteres weder realistisch noch besonders sinnvoll. Das Gerät ist schließlich gleichzeitig Telefon, Kamera, Navigationssystem, Fahrkarte, Kalender, Zahlungsmittel, Informationsquelle und Verbindung zu Familie und Freunden. Viel interessanter ist die Frage, welche Funktionen tatsächlich jederzeit verfügbar sein müssen. Eine Wetter-App muss möglicherweise keine Benachrichtigungen senden. Auch ein Onlineshop benötigt selten das Recht, den Nutzer sofort über ein Angebot zu informieren. Bei Nachrichten enger Familienmitglieder sieht die Sache anders aus. Wer die Zahl der Unterbrechungen reduziert, muss deshalb nicht auf digitale Kommunikation verzichten. Er entscheidet lediglich bewusster darüber, welche Informationen sofort erscheinen und welche warten können, bis man die entsprechende Anwendung freiwillig öffnet.
Der Lautlos-Modus löst nur einen Teil des Problems
Das Smartphone einfach stummzuschalten kann eine erstaunlich wirksame Maßnahme sein, verhindert aber nicht automatisch sämtliche Ablenkung. Wer das Gerät neben dem Computer liegen sieht, kann weiterhin versucht sein, regelmäßig nachzusehen. Auch kleine Symbole auf dem Bildschirm oder die Zahl ungelesener Nachrichten erzeugen das Gefühl, dass noch etwas erledigt werden sollte. Deshalb kann manchmal schon die räumliche Entfernung helfen. Ein Smartphone, das während einer konzentrierten Tätigkeit nicht unmittelbar auf dem Tisch liegt, wird seltener automatisch kontrolliert. Ähnliches gilt für den Computer. Wer für eine bestimmte Aufgabe keine E-Mail benötigt, muss das Postfach nicht permanent geöffnet lassen. Dabei geht es nicht darum, sich mit komplizierten Regeln zu disziplinieren. Viel einfacher ist es, die Umgebung so einzurichten, dass Unterbrechungen nicht ständig die bequemste Möglichkeit darstellen.
Erreichbarkeit braucht keine sofortige Antwort
Eine der wichtigsten Veränderungen könnte allerdings weniger technischer als gesellschaftlicher Natur sein. Eine Nachricht, die innerhalb einer Sekunde zugestellt wird, muss nicht innerhalb einer Minute beantwortet werden. Diese beiden Dinge werden im Alltag leicht miteinander verwechselt. Moderne Kommunikation ermöglicht Schnelligkeit, verlangt sie aber nicht automatisch. Wer sich daran gewöhnt, Nachrichten gesammelt zu beantworten, verändert gleichzeitig die Erwartungen seines Umfelds. Umgekehrt entsteht Dauererreichbarkeit auch dadurch, dass wir selbst von anderen schnelle Antworten erwarten. Ein paar Stunden Funkstille werden dann bereits ungewöhnlich, obwohl sie früher vollkommen normal gewesen wären. Digitale Gelassenheit besteht deshalb auch darin, einer Nachricht wieder etwas Zeit zugestehen zu können. Nicht jede Frage ist dringend, nur weil sie sofort gestellt werden konnte.

Konzentration wird zu einer Fähigkeit, die man schützen muss
Früher war Ablenkung keineswegs unbekannt. Kollegen kamen ins Büro, Telefone klingelten, Kinder unterbrachen beim Lesen und auch vor dem Internet konnte man einer unangenehmen Aufgabe problemlos ausweichen. Neu ist vor allem die außergewöhnliche Verfügbarkeit möglicher Ablenkungen. Ein einziges Gerät bietet Kommunikation, Nachrichten, Spiele, Videos, Musik und praktisch das gesamte Internet. Wer konzentriert arbeiten möchte, konkurriert deshalb mit Angeboten, die bewusst möglichst bequem und interessant gestaltet wurden. Konzentration ist damit weniger eine Frage eiserner Willenskraft als eine Frage guter Rahmenbedingungen. Wer für eine gewisse Zeit nicht auf jede Nachricht reagieren muss, schafft sich einen Raum, in dem ein Gedanke länger als einige Minuten bestehen bleiben kann. Solche Phasen fühlen sich am Anfang möglicherweise ungewohnt ruhig an. Gerade deshalb können sie wertvoll sein.
Nicht ständig erreichbar zu sein ist kein technischer Rückschritt
Die digitale Erreichbarkeit gehört zu den großen Bequemlichkeiten unserer Zeit. Familien können über große Entfernungen verbunden bleiben, Informationen erreichen uns innerhalb weniger Sekunden und in dringenden Situationen ist ein Smartphone kaum zu überschätzen. Das Problem beginnt erst dort, wo aus der Möglichkeit zur Kommunikation eine permanente Verpflichtung zur Aufmerksamkeit wird. Technik sollte uns Arbeit abnehmen und nicht dafür sorgen, dass wir uns für jede Minute ohne neue Information rechtfertigen müssen. Vielleicht besteht moderne Medienkompetenz deshalb auch darin, gelegentlich bewusst nicht erreichbar zu sein. Nicht aus Ablehnung gegenüber dem Internet, sondern gerade weil wir seine Vorteile behalten möchten. Ein Smartphone darf schließlich jederzeit Nachrichten empfangen. Wir selbst müssen trotzdem nicht jedes Mal sofort mitkommen, wenn es nach unserer Aufmerksamkeit ruft.
